Im Alter

Im Alter

Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn.
Die Blätter fallen rings umher;
Wie lange, Herr, soll ich noch stehn?
Ich bin nur ein bescheiden Gras,
Doch eine Aehre trag auch ich,
Und ob die Sonne mich vergaß,
Ich wuchs in Dankbarkeit für dich.

Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn,
Doch, brauche ich der Reife mehr,
So laß mich, Herr, noch länger stehn.
Ich will, wenn sich der Schnitter naht
Und sammelt Menschengarben ein,
Nicht unreif zu der Weitersaat
Für dich und deinen Himmel sein.


Erinnern wir uns hier für einen Moment zunächst einmal an Karlkeinz Eckardt, der dieses Gedicht 2003 in Ludwigsburg in überzeugender Weise vortrug, ganz unpathetisch, ganz und gar ohne jede Wehleidigkeit o.ä., und unter anderem gerade dadurch in respektvoller Erinnerung bleibend.

 

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Auch wenn dieses Gedicht "Im Alter" heißt, geht es um etwas, das ganz altersunabhängig sein kann, eine Empfindung, ein Lebensgefühl. ("Er war so alt unter seinen blonden Locken, den Frühling auf den Wangen und den Winter im Herzen" heißt es z.B. bei Büchner ...)

"Ich bin so müd, so herbstesschwer", das ist: ich mag nicht mehr; ich bin müde, lebens-müde. "Ich dachte es käme nichts mehr" heißt es an einer Stelle bei Thomas Mann ... Herbst: der Zenit ist überschritten, es geht, salopp ausgedrückt, abwärts. Der Sommer, die Hoch-Zeit, ist vorbei. Auch das muß nicht direkt mit dem Lebensalter zu tun haben.

"Und möcht am liebsten scheiden gehn", scheiden GEHN, da sind Anklänge an Suizidgedanken erkennbar, wenn auch recht dezent.

"Die Blätter fallen ringsumher", auch 'liebe Menschen', Verwandte, Freunde, Bekannte; das Konfrontiertwerden mit Todesanzeigen, Begräbnissen usw. nimmt im Laufe des Lebens zu. Rings um einen herum gehen sie und sterben sie weg, Menschen, aber auch Illusionen, Werte, Ziele, allerhand fällt da ringsumher, "als welkten in den Himmeln ferne Gärten", so ist das.

"Wie lange, Herr, soll ich noch stehn?" Das weiß man nie, und das ist auch gut so. Der Krebskranke weiß es nicht, ob es noch ein paar Monate oder vielleicht Jahrzehnte sein werden, der Kerngesunde auch nicht. Vielleicht fährt Letzterer morgen gegen einen Baum und Ersterer feiert in fünfundzwanzig Jahren runden Geburtstag oder goldene Hochzeit. Das eigene Empfinden muß keineswegs dem "Vorgesehenen" entsprechen.

"Ich bin nur ein bescheiden Gras, Doch eine Aehre trag auch ich", egal was du bist,Trivialschriftsteller, einfacher Arbeiter, HartzIV-Empfänger oder sonst etwas, du hast deinen Wert und Sinn, und der ist unabhängig von gesellschaftlichem Usus der Betrachtungsweise.

"Und ob die Sonne mich vergaß,"; "Ich lag seit jeher in einem Winkel, wohin Sonne nicht schien", sprach schon Sternheims Bürger Schippel, mit pathetischer klingenden Worten von wegen Lieben und Züchtigen mag ich gar nicht kommen, lieber dies noch: "Wer mich meines Widerstandes beraubt beraubt mich meiner Kraft". Ein dunkles Kellerloch, auch im übertragenen Sinne, kann durchaus sinnvoller und fruchtbarer sein als Langeweile im Sonnenschein auf Ibiza, hier möglicherweise Erfahrung und Wachstum, dort [vielleicht] Leere und Verdruß.

"Ich wuchs in Dankbarkeit für dich." Wer ist dieses Du ? Ein persönlicher Gott ? Der christliche gar ? (Gibt's den ? Den letzteren, meine ich ? Oder würde er sich solch eine Reduktion [auf eine Konfession] sozusagen gewissermaßen verbitten ? ...) Oder ist es etwas Anderes, etwa in Richtung Erleuchtung, kosmisches Bewußtsein, Reife, Wachstum, Erkenntnis ? ("Nennen se's wie se wollen ..." sagte mal jemand vor Jahrzehnten sehr hübsch)

"Doch, brauche ich der Reife mehr, So laß mich, Herr, noch länger stehn." Das ist es, und darum geht es. Im Gedicht wie im Leben. Reife. Wachstum. "Wann Schluß ist bestimme ich" sagt die Mutter zu ihrem Kind und sagt gleichsam der "liebe Gott" zu seinen Kandidaten ... (Borcherts Beckmann wird von der Elbe, in die er geht, wieder ausgespuckt ...). Der Weg führt bis an sein Ende, man kann ihn nicht vorzeitig verlassen oder darüber hinaus gehen ... Wer noch etwas zu lernen hat, kann in dem Fall sozusagen die Schule nicht vorher abbrechen.

"Ich will, wenn sich der Schnitter naht Und sammelt Menschengarben ein", schönes Bild, hier klingt es mal recht entspannt und gar nicht angstbesetzt, so ist es recht und angemessen. Menschengarben, einsammeln, das klingt ganz friedlich.

"Nicht unreif zu der Weitersaat"; ob bzw. wie es nun weiter geht oder nicht, das wissen wir nicht. Aber ob wir reif sind oder eben nicht, das können wir wissen. Wenn wir denn mal hingucken, in uns hinein und um uns herum, unser Augenmerk mal auf solche Dinge lenken statt auf weltliche Gschaftlhuberei. ("Bereitet oder nicht, zu gehn, er muß vor seinen Richter stehen").

"Für dich und deinen Himmel sein." "Es wird Liebe geben, nur Liebe" heißt es bei O'Neill (in beeindruckender Weise in "Der Große Gott Brown"). Na schau'n wir mal.

Zwinkernd